Bündnis 90/Die Grünen
KV Siegen-Wittgenstein
Löhrstraße 7
57072 Siegen
0271 - 2390 303
0271 - 2390 306
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Positionspapier von Wilfried Deiß, Hausarzt-Internist, Siegen
Als Internist und Hausarzt habe ich mit Atomkraftwerken wenig zu tun. Wohl aber mit dem gedanklichen Prozess des ABWÄGENS, der sowohl in der Medizin wie auch in der Risikodiskussion anderer Bereich von immenser Bedeutung ist.
In der Medizin ist das ABWÄGEN vermutlich der bedeutsamste gedankliche Vorgang überhaupt. Es ist einerseits ärztlicher Alltag, andererseits auch die
größte ärztliche Verantwortung. Es lohnt sich, die Prinzipien des Abwägens zu erläutern und vor allem, sie allgemeinverständlich darzustellen. Beim Abwägen
geht es nämlich nicht um endloses Diskutieren mit vagen Ergebnissen, sondern im Gegenteil um letzlich konkrete und nachvollziehbare Entscheidungen.
Beim Abwägen geht es immer um das Verhältnis von möglichem Nutzen und möglichem Schaden. Nur wenn der Nutzen eine Therapie deutlich größer ist als der mögliche Schaden, ist eine Behandlung angezeigt (=indiziert). Immer geht es dabei um Risiken. Es geht um das Risiko einer Krankheit einerseits, und um das Risiko einer Therapie andererseits. Wenn das Verhältnis beider Risiken günstig ist, besteht eine Indikation, andernfalls nicht. Schon im Altertum hiess
es: "primum nil nocere" = vor allem nicht schaden!
Wenn also das mögliche Therapierisiko größer ist als das Risiko der Krankheit selbst, dann besteht eine KONTRAINDIKATION. Das heisst, die erwägte
Therapie ist verboten. Dann ist abwarten und beobachten besser als Aktionismus oder "Tun, um etwas zu Tun".
So weit, so einfach. Komplizierter wird die Abwägung dadurch, dass immer auch alternative Therapien erwogen werden müssen, die möglicherweise ein
besseres Nutzen-Schaden-Verhältnis haben. Das heisst, eine zweifelsohne wirksame Therapie ist auch dann NICHT indiziert, wenn es eine andere gibt, die
den selben Zweck erfüllt, aber weniger Gefahren birgt.
Beispiel: Gegen Schmerzen und Fieber hilft Paracetamol. Es ist kein sehr starkes Mittel, aber in den meisten Fällen reicht die Wirkung aus und die
Verträglichkeit ist sehr gut. Wenn Unverträglichkeiten auftreten, sind dies fast immer vorübergehende Störungen, die nach Absetzen des Medikamentes
wieder folgenlos verschwinden. Ein anderes Mittel, das ebenfalls bei Schmerzen und Fieber indiziert ist, ist Metamizol. Die Wirkung ist meist intensiver als bei Paracetamol, die Verträglichkeit ebenfalls in den
allermeisten Fällen gut. Aber es gibt selten sehr schwere unerwünschte Wirkungen wie bedrohliche bis lebensgefährliche Blutbildschädigungen. Das ist das Restrisiko des Metamizols. Aufgrund dieses Restrisikos ist Paracetamol die Therapie der 1. Wahl bei Fieber und Schmerzen, Metamizol allenfalls 2.
Wahl. Das Medikament der 2. Wahl darf nur dann verwendet werden, wenn es im Einzelfall klare Argumente gegen die Therapie der 1.Wahl gibt, beispielsweise eine bestehende Allergie gegen den Wirkstoff. Bei anderen Beispielen geht es um weit höhere Risiken. Es gibt Therapien, zum Beispiel
Chemotherapien in Verbindung mit Knochenmarkstransplantationen, bei denen eines sehr hohes Todesrisiko besteht von sagen wir 10 oder 20%. Dieses Risiko kann selbstverständlich nur eingegangen werden, wenn OHNE diese Behandlung die Krankheit nahezu hundertprozentig zum Tode führt und wenn es KEINE ANDERE erfolgversprechende Therapie gibt.
Mit RESTRISIKO haben wir das Stichwort für die Atomenergie. Atomkraftwerke müssen keine Therapien durchführen, sondern Strom produzieren. Aber die
ABWÄGUNG von Nutzen und potentiellem Schaden erfolgt nach den selben Prinzipien wie in der Medizin. In beiden Fällen geht es um mögliche, nicht rückgängig zu machende Folgen für Menschenleben, die genau diese gründliche Abwägung erfordern.
Die Abwägung von Nutzen und Schaden der Atomenergienutzung hat sich vor und nach Fukushima nicht relevant geändert. Das Vorhandensein eines
Restrisikos war lange bekannt und hatte sich mit Harrisburg und Tschernobyl fulminant bestätigt. Nein, die Risikoabschätzung ist NICHT der entscheidende
Punkt. Es ist auch unerheblich, ob die japanischen Reaktoren doch noch irgendwie vor dem Super-GAU gerettet werden können. Das alles ist NICHT die relevante Frage.
Das entscheidende Argument in der Diskussion ist das Vorhandensein von Alternativen. Die MÖGLICHKEIT des Ausbaus von regenerativen Energien ist der Faktor, der das Ergebnis der Abwägung ausmacht.
In den 70er Jahren mag die Abwägung noch anders gewesen sein. Da gab es tatsächlich Argumente, warum der dem Wohle der Bevölkerung dienende
Energiebedarf möglicherweise nicht anders gedeckt werden könnte. Das war in der Ära VOR den regenerativen Energien.
Das hat sich inzwischen geändert. Übrigens wird aktuell durch die vorübergehende?) Abschaltung der Altmeiler die Einspeisung regenerativer Energien erstmals größer sein als der Anteil von Atomstrom. Für einen stetigen Ausbau gibt es die unterschiedlichsten Optionen, selbstverständlich Hand in Hand mit Maßnahmen zur Energieeinsparung. Es ist ein Jammer, dass Hermann Scheer, Vorkämpfer für die Solare Gesellschaft der Zukunft, nicht mehr lebt.
Aber die von ihm und seinen Mitstreitern entwickelten lokalen und globalen Konzepte liegt fix und fertig in den Schubladen bereit. In dieser Situation ergibt die Abwägung ein eindeutiges Ergebnis. Die weitere Nutzung der Atomenergie ist KONTRAINDIZIERT wegen nicht weg zu diskutierender Risiken bei gleichzeitigem Vorhandensein von Alternativen. Es ist also gar nicht mehr notwendig, 3 Monate oder mehr Monate über Risiken zu beraten, denn das Ergebnis der Gesamtabwägung ist schon heute da: Die weitere Nutzung der Atomenergie verbietet sich.
Auch in der Medizin kommt es vor, dass ein Medikament, welches mangels Alternativen jahrelang ein noch akzeptables Risiko hatte, irgendwann völlig
anders bewertet werden muss. Wenn nämlich neue Präparate auf den Markt kommen mit erwiesenermaßen günstigerem Nutzen-Schaden-Profil, muss gehandelt werden. Vor einigen Jahrzehnten wurden Barbiturate als Schlafmittel verwendet. Das war bei strenger Indikationsstellung richtig, weil es nichts anderes gab. Heute würde die Verwendung eines solchen Mittels einem Kunstfehler gleichkommen.
Bei der Atomenergie kommt noch ein Faktor hinzu, der die erfolgte Abwägung noch eindeutiger macht: es geht um den Unterschied von Individualrisiko und
Kollektivrisiko. 1 Patient mit 1 Krankheit Leukämie kann sich nach ärztlicher Beratung für oder gegen 1 gefährliche Knochenmarktransplantation ntscheiden.
1 Arbeiter, der in 100m Höhe 1 Windenergieanlage repariert, geht 1 Risiko ein, das er kennt und durch sein Verhalten selbst beinflussen kann. 1 Autofahrer
hat das bekannte Risiko, er weiß dies, und trifft eigene Entscheidungen. Aber: wenige Entscheider treffen 1 Entscheidung für die Nutzung von Atomenergie und setzen damit zehntausende Menschen dem Restrisiko aus, die dem einfach nur ausgeliefert sind. Stellen Sie sich vor, die bundesdeutschen Autobahnen hätten die Eigenart, dass die Fahrbahndecke als Ganzes irgendwann ganz unerwartet explodieren könnte. Da wäre es naheliegend, sich alsbald nach anderen Straßen umzusehen.
Auch in der Medizin gilt: wenn ein Therapieverfahren durch ein besseres ersetzt wird, dann geschieht das nicht im Hauruckverfahren. Ohne Zeit und
Anpassungsmechanismen geht es nicht. Viele Mittel müssen AUSGESCHLICHEN werden. Aber es muss ein eindeutiges und konsequentes Konzept und der
Wille dazu erkennbar sein. Alles in allem ist das Ergebnis der Abwägung auch
ohne weitere Risikodiskussion eindeutig: ATOMKRAFT AUSSCHLEICHEN ist kein Ergebnis einer Meinungsumfrage, sondern ein gesellschaftliches MUSS.
Es gibt nur EINE schlüssige Möglichkeit, wie ein Abwägungsprozess zu einem anderen Ergebnis kommen kann. Nämlich dann, wenn der Abwägende
von einer einzigen anderen Prämisse ausgeht, die da lautet: Der Profit der Energiekonzerne/Aktionäre hat einen höheren Stellenwert als das Wohl der
Bevölkerung. Oder, freundlicher formuliert: Der Abwägende geht noch immer von der neoliberalkonservativen Grundannahme aus, dass das Wohl der
Bevölkerung jetzt und in Zukunft mit der Höhe des Profits der Großkonzerne korreliert.
Darüber hinaus gibt es eine Triebkraft, die selbst von eingefleischten Marktliberalen häufig übersehen oder in ihrer Bedeutung unterschätzt wird. Denn neben der Gier ist der zweite große Antrieb der Finanzmärkte die
Angst. In diesem Falle ist es die Angst der Mächtigen vor dem Verlust der Macht. Regenerative Energien sind im Gegensatz zum Zentralismus der
Großkraftwerke DEZENTRAL organisierbar, weitgehend unabhängig von Großkonzernen, in der Hand der Bürger. Es ist die Angst der Konzerne vor
der Demokratie.
Wilfried Deiß
Hausarzt-Internist
Siegen