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Günter Jochum bei Facebook

3. Februar 2014

Leitlinien meines politischen Handelns

Albert Schweitzer hat sehr prägnant zusammengefasst, was nach seiner Sicht der Dinge uns Menschen aufgegeben ist:
„Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegen zu bringen wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. … In Wirklichkeit handelt es sich darum, wie der Mensch sich zu allem Leben, in seinem Bereich befindlichen Leben, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur.“
Albert Schweitzer war kein Phantast. Er stand mit beiden Beinen im Leben und hat so gelebt, wie er gesprochen und geschrieben hat. Es steht uns gut an, wenn wir nach seinen Maßstäben unser politisches Reden und Handeln beleuchten. Wer so denkt und handelt, wird sich nicht vom Egoismus leiten lassen und wird keine Klientelpolitik betreiben. Wer sich in dieser Weise von der Vernunft leiten lässt, wird für soziale Gerechtigkeit sorgen und wird sich für Chancengleichheit stark machen.

Dieser Ethik fühle ich mich bei meinem politischen Agieren verpflichtet.

Die Menschen dieser Region sind kein Kapital.

Wer auch immer auf den Spruch unter dem Logo des Kreises Siegen-Wittgenstein gekommen ist, er ist eine Zumutung. Vermutlich wollte man etwas Positives über die Menschen dieser Region sagen – aber der Satz sagt eher etwas über die Haltung derer, die ihn ausgewählt haben – und sicher war der amtierende Landrat daran zumindest beteiligt.

Kapital wird gehortet, benutzt, vergeudet. Kapital wird besessen und ist selbst kein handelndes Subjekt.

Mag sein, dass der amtierende Landrat so auf die Menschen dieser Region (und der Kreisverwaltung?!) blickt – so mit ihnen verfährt. Die Menschen in Siegerland-Wittgenstein stellen für ihn dann einen Wert dar, mit dem man handeln kann, den man einsetzen kann und der dabei an Wert verlieren kann.
Meinem Menschenbild und meinem Selbstverständnis läuft das zuwider.

Wirklich wertschätzend und anerkennend wäre hingegen, wenn der Slogan schleunigst abgeändert wird und wir die Menschen weder zum Besitz erklären, noch sie Verdinglichen.

Die Menschen im Siegerland und Wittgenstein haben POTENTIAL. 

Das ist eine Aussage, die ich gerne unterschreiben würde. Hier gibt es viele begabte und talentierte Menschen, sei es in der Arbeitswelt, sei es im Führen eines Unternehmens, sei es in sozialen Berufen, sei es in der Kunst, in der Bildung, in den Familien oder im Ehrenamt.

Sprache kann sehr verräterisch sein – manchmal rutscht einem auch mal was raus. Aber wenn es um die Zustimmung für einen Slogan geht, mit dem der Kreis Siegen-Wittgenstein auf sich aufmerksam machen möchte, muss man doch davon ausgehen, dass die Verantwortlichen wussten, was sie taten. Die Zeiten, in denen Menschen benutzbares Eigentum waren, sollten aber doch endgültig der Vergangenheit angehören.

Als Pfarrer in der Politik

(Seelsorgliche und prophetische Dimension)
Für manche scheint das immer noch ungewöhnlich, dass Pfarrer/innen sich auf dem politischen Parkett bewegen. Ob es mit einem überkommenen Standesdenken zu tun hat, oder ob die Politik zu „weltlich“ für die „Geistlichen“ ist – ich weiß es nicht. In den 10 Jahren, in denen ich nun kommunalpolitisch tätig bin, habe ich die Erfahrung gemacht, dass manches, was ich „in Kirche“ gelernt und erlebt habe, vergleichbar ist mit dem, was ich in den politischen Gremien erlebe und in der kommunalen Verwaltung mitbekomme. Und ich habe den Eindruck, dass meine seelsorgliche Kompetenz in so mancher Begegnung durchaus gefragt und hilfreich ist, um die Menschen in ihrer jeweiligen Situation und Funktion zu verstehen.

Als ich gebeten wurde, für das Landratsamt zu kandidieren, habe ich mich freilich selbst noch einmal gefragt, was dafür oder möglicherweise auch dagegen sprechen könnte. Sehr entscheidend war dabei meine Überzeugung, dass Kirche nicht unpolitisch sein kann und sein darf. Allerdings erliegen wir Pfarrer/innen oft der Versuchung, dass wir politische Predigten am falschen Ort vor den falschen Leuten halten. Die Menschen, die sonntags zum Gottesdienst kommen, erwarten zumeist etwas anderes als gesellschaftspolitische Überlegungen von der Kanzel. Freilich darf das auch sein, vor allem, wenn es um Themen geht, die von uns allen eine auch vom Evangelium her zu begründende Haltung oder ein Handeln abverlangen. Ich denke, da stehen wir als Pfarrer/innen in der Tradition der Propheten, die im Auftrag Gottes zuweilen dem Volk ins Gewissen zu reden hatten.

Doch die Propheten setzten sich auch kritisch mit den Mächtigen, mit den Einflussreichen und Regierenden auseinander. Die erreichen wir aber mit unseren Sonntagspredigten eher nicht. Dafür muss Kirche – müssen wir als Christenmenschen den Raum der Kirche verlassen – und da  sollten wir uns auch als ordinierte Theologen nicht zu schade sein, im politischen Raum den Mund aufzutun für die Schwachen und für die Gerechtigkeit. Und um es nicht dabei zu belassen, nur an andere zu appellieren, sollten wir bereit sein, auch selbst in der Politik und der Verwaltung Verantwortung zu übernehmen. Dies war dann letztlich für mich bei meiner Entscheidung für eine Kandidatur ausschlaggebend.

Kompetenzen

„Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst würde es Wulst heißen“, sagte der Chirurg beim Blick auf eine Narbe, die ein Kollege einer Patientin zugefügt hatte.

Freilich wird auch von einem Landratskandidaten mehr erwartet, als dass er etwas will – er muss auch was können.

So will ich Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, ein paar erworbene Fähigkeiten nennen, die ich für die Übernahme eines solchen Amtes außer den Erfahrungen eines Gemeinde- und Funktionspfarrers und 10 Jahren kommunalpolitischer Tätigkeit mitbringe:

Ein Gespür für Werte und Gaben

In den Begegnungen, die ich nach drei Jahrzehnten pastoraler Tätigkeit mit Menschen unterschiedlichster Prägung in allen nur denkbaren Situationen, Lebensphasen, Schicksalen und Lebensaltern gehabt habe, ist meine Achtung vor denen, die sich mir in irgendeiner Weise anvertrauen, immer mehr gestiegen. In der Seelsorge kommt es weniger darauf an, was wir den Leuten zu sagen haben – es geht eher darum, dem Gegenüber zu helfen, das wiederzufinden, was ihm scheinbar abhanden gekommen ist oder ihm genommen wurde. Ich bin davon überzeugt, dass es in unserer Gesellschaft viele Menschen gibt, denen das Selbstvertrauen unverschuldet abhanden gekommen ist und die aufblühen, wenn ihnen ehrliche Wertschätzung entgegengebracht wird. Wenn wir in der Kommunalpolitik mit dieser Wertschätzung auch bei den Beratungen und Entscheidungen ernst machen, werden wir davon alle profitieren.

Beratungskompetenz durch Erfahrungen in der systemischen Organisationsentwicklung

In meiner langjährigen nebenberuflichen Beratungstätigkeit als Organisationsberater in Non-Profite-Unternehmen habe ich gelernt, Institutionen und Abläufe zu analysieren und an deren Optimierung mitzuwirken. Ich war an Strukturreformen von Kirchenkreisen und Fusionsprozessen von Kirchengemeinden beteiligt. Die Moderation solcher Veränderungsprozesse erfordert es, einen Blick für die Menschen zu haben, die von diesen Veränderungen betroffen sind. Es zahlt sich am Ende aus, auch diejenigen aktiv am Prozess zu beteiligen, die Vorbehalte haben und Widerstände signalisieren.

In den Kommunen und Landkreisen stehen wir ständig vor der Herausforderung, auf Veränderungen reagieren zu müssen. Hier möchte ich gerne mit allen Akteuren die Prozesse lösungsorientiert gestalten und die Betroffenen bei der Suche nach der besten Lösung beteiligen. Nach dem, was ich bislang mitbekomme, werden manche Potentiale, die in der Kreisverwaltung und zugeordneten Organisationseinheiten vorhanden sind, nicht genügend erkannt oder abgerufen. So manche gute Idee oder Initiative bleibt stecken, weil sie von der Verwaltungsspitze ignoriert oder verhindert wird. Ich möchte dazu beitragen, dass die Schätze gehoben und die Talente richtige eingesetzt werden.

Ethische Kompetenz

„Ethik ist eine Form des Nachdenkens des Menschen über sein Handeln, die Klarheit über die Motive, Ziele und Folgen dieses Handelns erbringen kann.“
Diese Definition von Ethik habe ich mir gemerkt, weil sie in gebotener Kürze vielsagend ist. Ich finde, dass es in der Politik ganz wichtig ist, nicht nur Ziele zu verfolgen, sondern sich selbst und ggf. auch anderen Rechenschaft darüber ablegen zu können, warum ich dieses Ziel verfolge. Und nicht nur das. Es macht Sinn, darüber nachzudenken, was denn die Folgen sind, wenn ich dieses Ziel erreicht habe.

Im Krankenhausalltag müssen immer wieder Entscheidungen zu Behandlungen getroffen werden, die lebensentscheidend sind. Eine Lebensverlängerung mit allen der Medizin zur Verfügung stehenden Mitteln wird von einem Patienten möglicherweise gar nicht verfolgt, wenn klar ist, dass dies nur eine Verlängerung der Schmerzen und Qualen bedeuten würde.

Von solchen ethischen Diskursen können wir in der Politik etwas lernen. So manches Projekt, welches sich im Nachhinein als sinnlos herausgestellt hat, wäre womöglich nicht auf den Weg gebracht worden, hätte man ehrlich die Motive analysiert und die Folgen bewertet. Mir scheint das Millionengrab „Siegerlandflughafen“ auf der Lipper Höhe so eines zu sein. Wenn keine stichhaltigen Argumente geliefert werden können, warum hier weiterhin Millionenbeträge aus Steuergeldern hineingesteckt werden sollen, die an anderer Stelle dringend gebraucht werden, sollte man die „lebenserhaltenden Maßnahmen“ doch zumindest mittelfristig auslaufen lassen.

Demut

Das mag verwundern, dass ich diese Eigenschaft ans Ende dieser Liste setze, bei der es um die Kompetenzen geht, die ich für das Amt des höchsten Verwaltungsbeamten dieses Landkreises einbringen möchte. Vorweg will ich zugeben, dass ich mich nicht in allen Situationen demütig gebe. Aber im Hinblick auf das angestrebte Leitungsamt will ich dies versprechen. „Leitung ist eine Dienstleistung“ – so habe ich es mir mal behalten. Und so halte ich viel davon, wenn Leitungspersonen dieses Selbstverständnis mitbringen. Bürgermeister oder Landräte mit Chefallüren haben meines Erachtens nicht verstanden, dass sie dafür gewählt wurden, im Sinne der Bürgerinnen und Bürger die Verwaltung zu leiten und den Landkreis zu repräsentieren. Ein Kapitän, der im Auftrag seiner Reederei das Kommando auf einem Schiff übertragen bekommt, sollte Respekt haben vor dieser Aufgabe. Ohne einen guten Steuermann und fähige Offiziere, ohne gute Maschinisten und die gesamte Mannschaft wäre er aufgeschmissen. Ich bin davon überzeugt, dass es auf dem Schiff der Kreisverwaltung sehr fähige Leute gibt, auf die Verlass ist und mit denen gemeinsam man den Kreis Siegen-Wittgenstein auf einen guten Kurs bringen und halten kann.